“Mansions of Madness – 2nd Edition” ist eins der ersten, großen und für den Massenmarkt produzierten Brettspiele, das nur mit einer App funktioniert. Beim Vorgänger aus dem Jahr 2011 war es noch einem der Spieler übertragen, den anderen Spielern die Mächte des Bösen entgegenzustellen. Ein Solo-Spiel war nicht möglich. Das neue Konzept ist reizvoll: Eine zum Spiel gehörige App (erhältlich im IOS- und Google-Play-App-Store sowie auf Steam) navigiert die Spieler durch unterschiedliche Szenarien des Lovecraft-Universums (mehr hierzu in der Review zu “Arkham Horror – Das Kartenspiel”). Gerade für Einzelspieler wie geschaffen.

Ist es Fantasy Flight gelungen, die App-Integration ohne Verlust des Spielflusses hinzukriegen?

Spielablauf

Die Spieler sind – wie üblich in der Arkham-Reihe von Fantasy Flight – Ermittler, die mysteriösen Geschehnissen auf den Grund gehen. Insgesamt vier Szenarien sind im Grundspiel enthalten. Zwei zusätzliche Abenteuer können als digitale Inhalte (DLC) gekauft werden. Inzwischen sind zudem verschiedene physische Erweiterungen erhältlich, die jeweils ein oder mehrere weitere zusätzliche Abenteuer möglich machen – mit mehr Nachschub ist zu rechnen. Nur die fanatischsten Vielspieler sollten sich Sorgen machen, denn die meisten Szenarien sind nicht nur überaus lang, sondern bieten auch Wiederspielwert: Die App passt einzelne Geschehnisse dynamisch an, sodass der Ablauf sich von Spiel zu Spiel leicht unterscheidet.

MansionsApp
Die App – hier am PC – managt den Spielplan, Objekte, Monster, NPC und eine Reihe von Abläufen.

Hat man sich in der App für ein Szenario entschieden und die Ermittler ausgewählt, geht es los. Eine kurze Einführung wird stimmungsvoll vertont vermittelt, dann zeigt einem die App, welches Spielplanteil man zu legen hat. Sie zeigt auch, an welchen Stellen auf dem Spielplan interaktive Elemente, etwa zum Durchsuchen, durch Marker zu kennzeichnen sind. Das in der App gezeigte Setup muss der Spieler also auf dem Tisch spiegeln – dann beginnt das eigentliche Spiel.

Die Unterteilung in Spielphasen dürfte Vielen wohlbekannt sein. Bei “Mansions of Madness 2nd Edition” genügen derer zwei:

Die erste Phase ist die Ermittlerphase. Jeder Spieler führt zwei Aktionen aus – Bewegung, Kampf, Durchsuchen und Erkunden sind die Standards, es gibt aber noch weitere Möglichkeiten, wie etwa das Interagieren mit Ausrüstung, das Legen von Feuer oder das Verbarrikadieren von Türen.

MansionsInvestigator
Die Ermittler erhalten zu Beginn Ausrüstungsgegenstände und Zauber.

In der App müssen die meisten Interaktionen per Mausklick eingegeben werden. Die App gibt dann zurück, was geschieht: Beispielsweise zeigt sie an, welche Räume sich hinter der nächsten Tür verbergen, oder ob in der durchsuchten Schublade eine Waffe, ein Kruzifix oder eine Stange Dynamit verborgen ist. Oft sind Würfeltest auf Grundlage der Ermittlerfähigkeiten (z.B. Willensstärke oder Gechicklichkeit) erforderlich, um eine Aktion erfolgreich durchzuführen. Diese Tests werden ebenfalls von der App gesteuert. Der jeweils zugehörige Stimmungstext, die zu testende Fähigkeit und der Schwierigkeitsgrad sind dynamisch, werden von der App also von Fall zu Fall unterschiedlich gestaltet. Eine typische Aktion sieht etwa wie folgt aus: Bei der Erkundung eines neuen Raumes wird, wie von der App angezeigt, ein Fragezeichen-Marker auf eine dort befindliche Truhe gelegt. Der Marker bedeutet, dass die Spieler die Truhe als Aktion untersuchen können. Entscheiden Sie sich, dafür eine Aktion zu verwenden, wird der ebenfalls in der App angezeigte Marker angeklickt, woraufhin erneut das Untersuchen der Truhe zu bestätigen ist.

Jetzt wird der Spieler aufgefordert, einen Würfeltest durchzuführen, z.B. einen Geschicklichkeitstest zum Knacken des Schlosses der Truhe. Das Ergebnis des Würfelwurfes wird in der App ebenfalls per Klick angegeben. Im Beispiel gelingt die Probe und das Schloss ist geknackt: In der Truhe finden wir Bandagen, durch deren Nutzung die Spieler Verletzungen heilen können.

MansionsDice
Bei den Würfelproben zählen die Sterne als Erfolg – Lupen können mit gesammelten Hinweismarkern in einen Stern (=Erfolg) umgewandelt werden.

Räume, Objekte, Monster und Nichtspielercharaktere finden ihre Entsprechung in den physischen Komponenten, die wie angezeigt ausgelegt werden. Alle Komponenten liegen also tatsächlich auf dem Tisch.

Ebenso verhält es sich mit den Monstern, deren Bewegung und Angriffe die App übernimmt, während das Monster auf dem Spielplan durch einen Token bzw. eine Miniatur manifestiert ist. Dabei bleibt es bei den aus anderen Spielen bekannten Würfelproben – die App sorgt hier mit sich ändernden Stimmungstexten und Test-Fähigkeiten für Abwechslung, sie generiert auch das Ergebnis von Aktionen und Angriffen und passt dieses auf die einzugebende Würfel-Erfolgsquote an.

MansionsM1
Wie immer mit dabei: Der Kultist. Die klobige Basisplatte der Miniatur macht die Begegnung mit ihm noch ein Stück grauenhafter.

Im Laufe des Spiels können die Spieler Schaden nehmen – physisch und psychisch. Dafür sind rote (physisch) oder blaue (psychisch) Kärtchen zu ziehen. Hat man mehr Kärtchen gezogen, als dem Wert für Lebensenergie des Ermittlers entsprechen, drohen Verletzung und Tod. Das ist aber nicht alles – auf der Rückseite sind die Karten bedruckt. Bestimmte Ereignisse zwingen die Spieler, eine oder mehrere dieser Karten umzudrehen, wodurch zusätzliche Effekte ausgelöst werden. Beispielsweise kann auf einer Verletzungskarte auf der Rückseite die Anweisung stehen, dass der Charakter sich nun einen Arm gebrochen hat und deshalb nur noch eine bestimmte Anzahl an Gegenständen tragen kann. Eine interessante und spannende Mechanik.

MansionsDmgSan
Verletzungen physischer und psysischer Art können durch das Umdrehen der entsprechenden Karten noch schlimmer werden – manchmal geschieht jedoch nichts, selten gibt es einen Bonus.

Hin und wieder kommt es auch dazu, dass die Spieler ein Puzzle im Rahmen der App zu lösen haben. Diese Puzzle werden ausschließlich am Rechner gelöst. Da es jedoch vergleichsweise selten dazu kommt, wird der Spielfluss dadurch nicht beeinträchtigt. Beispielsweise finden die Spieler Teile eines alten Artefakts – interagieren sie mit diesen, fordert die App sie zum Lösen eines Verschiebepuzzles auf. Die einzelnen Lösungsschritte sind pro Spieler-Aktion auf den Wert der jeweils zu nutzenden Fähigkeit beschränkt. Genügt dies nicht, um das Puzzle zu lösen, muss der Spieler ggf. eine oder mehrere weitere Aktionen hierauf verwenden – das kostet Zeit.

Zeit ist wichtig, denn nach der Ermittlerphase folgt die Mythosphase. Die App generiert zum einen zufällige Ereignisse, die die Spieler auf die Probe stellen – meist sind wiederum Würfeltests zu absolvieren. Gehen diese verloren, drohen Verletzungen, Wahnsinn oder die Aufgabe wichtiger Ausrüstung. Zum anderen wird in der Mythosphase die Geschichte des gewählten Szenarios vorangetrieben. Monster tauchen auf, bewegen sich und greifen an. Nichtspielercharaktere agieren, flüchten z.B. aus einem Raum. Ausgebrochenes Feuer breitet sich aus. Ein Straßenmob bricht durch die Türe. Die Möglichkeiten sind schier endlos – die App macht es möglich. In der Regel spitzen die Dinge sich nach und nach zu – d.h. je mehr Phasen durchlaufen werden, je mehr Spielrunden vergehen, desto haariger wird die Sache.

MansionsSpielplan
Im fortgeschrittenen Spiel braucht man viel Platz auf dem Tisch. Dank App verliert man nie die Übersicht.
Im Laufe der Untersuchung kristallisiert sich auch heraus, was das eigentliche Ziel ist – z.B. das Besiegen eines Monsters. Ist dies geschafft, folgt die abschließende, narrative Sequenz in der App. Sterben die Spieler zuvor, oder werden sie wahnsinnig, geht das Spiel verloren.

Komponenten und Setup

Das Spielmaterial ist – bis auf eine Ausnahme – fantastisch. Allein die Spielplanteile sind großartig und stimmungsvoll gestaltet. Die Miniaturen der Spieler, die Karten und Marker, alles ist über jeden Zweifel erhaben.

MansionsRoom
Die einzelnen Spielplanteile sehen einfach fantastisch aus.

Nicht gelungen sind jedoch die Monsterminiaturen bzw. deren Basisplatten. Zum einen ist die Fixierung der Monsterfiguren auf diesen Platten durch kleine Pins nicht besonders stabil. Eine zweifelhafte Designentscheidung war es aber insbesondere, die Basisplatten so dick zu machen, dass der zum jeweiligen Monster gehörende Marker aus Karton (auf dem Informationen wie z.B. Werte zu Ausweichproben enthalten sind) dort eingeschoben bzw. aufgestellt werden können. Die klobige Platte ist auf dem Spielplan schwer zu handhaben und oft zu groß für die Felder. Die Referenzierung zum Marker funktioniert auch durch einfaches Danebenlegen. Oft habe ich deshalb die Miniaturen erst gar nicht benutzt, sondern mich auf die schön gestalteten Karton-Marker beschränkt.

Dieses Manko tut dem Spielspass keinen Abbruch, es ist aber dennoch schade, dass man diesen wenig überzeugenden Weg gegangen ist – insbesondere, weil die eigentliche Gestaltung der Monster selbst gelungen ist.

MansionsM2
Die Figuren sehen toll aus – nur die Basisplatte stört etwas.

Das Setup geht schnell für ein Spieler dieser Größe, zumindest, wenn man die Komponenten in der Verpackung z.B. durch Tütchen schon grob sortiert hat. Da die App das Management der meisten Komponenten übernimmt, sind komplizierte Vorbereitungen nicht nötig. Ein routinierter Spieler dürfte nur ein paar Minuten für den Aufbau brauchen.

Fazit

“Mansions of Madness 2nd Edition” ist als Vertreter des “Ameritrash” ein großartiges Einzelspielerspiel – episch in Umfang und Dauer (mit einigen Stunden pro Spiel muss man rechnen). Glück und Atmosphäre tragen die Spielerfahrung – das muss man mögen. Die App-Integration funktioniert hervorragend, auch wenn man sich zu Beginn doch an den Wechsel zwischen Digitalem und Physischem gewöhnen muss. Ist man regelfest und weiß die App zu bedienen, fließt es. Die Missionen sind abwechslungsreich und spannend. Eine große Stärke der App und damit des Spiels ist es, dass die Szenarien höchst unterschiedlich ausfallen können. Die erzählte Geschichte ist stark und thematisch passend mit den Spielmechaniken verwoben, die Spielerfahrung wirkt kohärent und überaus stimmungsvoll. Es kommt richtiggehend Spannung auf, regelmäßig spitzen sich die Ereignisse von Runde zu Runde zu. Die Möglichkeiten sind vielseitig, die Entscheidungen gewichtig. In diesem Test sind längst nicht alle Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt – immer wieder passiert etwas Neues, worauf die Spieler reagieren müssen.

Die digitalen Puzzle (z.B. Verschiebepuzzle oder das Erraten von Code-Abfolgen) sind ebenfalls gelungen, auch, wenn sie im Vergleich zum Rest des Spiels etwas abfallen. Die wenig gelungenen Basisplatten der Monsterminiaturen (s.o.) sind der einzig echte Kritikpunkt, der jedoch wegen der Möglichkeit der Nutzung z.B. nur der Monstermarker nicht stark ins Gewicht fällt.

Das Spiel lässt sich allein hervorragend spielen. Dabei müssen mindestens zwei Ermittler parallel gesteuert werden. Die Erfahrung zeigt, dass die Szenarien mit zwei Ermittlern gut zu lösen sind, hin und wieder wird es jedoch durch die Übernahme eines dritten und ggf. vierten Ermittlers etwas einfacher. Immer gehört auch Glück dazu.

Insgesamt ist “Mansions of Madness 2nd Edition” sicherlich eines der besten Brettspiele auf dem Markt, dass es für Solo-Spieler zu kaufen gibt. Für die, die es gerne gruselig haben, die dem Szenario etwas abgewinnen können und Glück als wesentliches Spielelement nicht scheuen eine absolute Kaufempfehlung.

Insgesamt: 9/10

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